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Der Große Fährmann
Esslingen: Das sieben Meter hohe Denkmal auf der Sirnauer Brücke markierte einen Neuanfang in der Baukunst.

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Von Amelie Pyta
Quelle: Artikel vom 27.01.2021 © Eßlinger Zeitung

Der Große Fährmann, der auf der Sirnauer Brücke steht, markierte einen Neuanfang in der Baukunst nach der NS-Zeit.

Auf einem mächtigen Sockel am Ende der Sirnauer Brücke bei Oberesslingen steht der Große Fährmann. Stolze sieben Meter ist er hoch. In seiner Hand hält er ein Ruder, sein Blick ist in Richtung Himmel gerichtet. Neben ihm herrscht lautes Verkehrstreiben. Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer überqueren die Brücke. Unter dem Fährmann fließt der Neckar. Aber der Fährmann muss niemanden auf die andere Seite des Flusses bringen – diese Aufgabe hat die Sirnauer Brücke übernommen.

Diese heißt eigentlich Dieter-Roser-Brücke, benannt nach dem ehemaligen Esslinger Oberbürgermeister Dieter Roser. Sie überspannt den Neckar zwischen Sirnau und Oberesslingen und gilt als wichtige Verkehrsader in Esslingen. Die Brücke verbindet die B 10 und die Gewerbebetriebe in Sirnau mit den Industriegeländen und Berufsschulen in Zell beziehungsweise Oberesslingen. 1956 wurde sie in Betrieb genommen. Zur gleichen Zeit wurde auch der Große Fährmann aufgestellt.

Neuanfang nach der NS-Zeit

Das Kleindenkmal gilt als eine der bedeutendesten Brückenfiguren jener Zeit in Deutschland. Der Erschaffer, Bernhard Heiliger, war ein bekannter Bildhauer. Der in Stettin geborene Künstler machte sich vor allem mit seinen Büsten von bekannten Persönlichkeiten einen Namen. Heiligers Werke stehen für den Neuanfang in der Kunst nach der NS-Diktatur. Statt der monumentalen Brückenfiguren aus jener Zeit, denen sich die Passanten nicht entziehen konnten, wirkt der Fährmann mit seiner schlanken Silhouette eher zart.

Heiliger traf mit seiner Kunst einen Nerv im Nachkriegsdeutschland – und wurde zu einer Art Staatskünstler der jungen Bundesrepublik. Dabei hatte er selbst noch bei einem Bildhauer gelernt, der mit dem Nazi-Regime eng verbunden war: Arno Breker, einer der bekanntesten Künstler der NS-Zeit, unterrichtete Heiliger an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Ein Umstand, über den Heiliger zeit seines Leben schwieg.